Januartage

Deine Stimme flieht
über die Berge.
Auf dem Gipfel
liegt der Schnee kniehoch.

Ich gebe dem Wind
Meerworte
und eine Handvoll Regen.

Die Zeit ist noch nicht reif,
sagst du.
Sie liegt dir bitter
auf den Lippen,
und Kraniche
sind unbekannt verzogen.

Dieser Beitrag wurde von Sigune am 1. Oktober 2017 um 12:46 Uhr geschrieben.

Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten

6 Kommentare »

  1. “Meerworte” – Du arbeitest wieder mit dem Unterschied zwischen Schrift und Stimme. Schön. Und als Metaphern sind da wieder “Stimme” und “—worte”.

    Deine Stimme flieht.
    Der Schnee liegt kniehoch.

    Ich glaube, das ist der Kern des Gedichts. Die erste Strophe würde ich so kürzen. Aber das ist nur ein ganz vorsichtiger Vorschlag.

    Comment by Petersilie — 2. Oktober 2017 @ 12:24

  2. Deine Stimme flieht.
    Der Schnee kniehoch.

    Ich gebe dem Wind Meerworte
    und eine Handvoll Regentropfen.

    Die Heit ist noch nicht reif
    sagst du und bitter liegt sie auf deinen Lippen.

    Ein Kranichzug über uns,
    nach unbekannt verzogen.

    Comment by Ausleger, — 2. Oktober 2017 @ 21:41

  3. Möglich, es zu kürzen, aber ich glaube, mir gefällt die längere Version vom Klang besser.
    Nur: die Einfügung von “über uns” will nicht recht passen, wenn der Kranichzug doch schon verzogen ist (dann fehlt vielleicht “bald schon” oder etwas in der Art).

    Comment by Sigune — 3. Oktober 2017 @ 06:37

  4. Der Vergleich des Originals und des Ablegers ist wirklich sehr lehrreich: Man sieht einen Unterschied in der, ich nenne es mal “Farbe” des Gedichts.

    “Ein Kranichzug über uns,
    nach unbekannt verzogen.”

    passt als Oxymoron.

    Das a) Original ist rauer, eckiger, der b) Ableger flüssiger. b) ist aber konkreter und dadurch poetischer. Und die Bergwelt ist wirklich nur Ballast.

    Comment by Rotkäppchen — 3. Oktober 2017 @ 22:56

  5. Auf mich wirkt es genau umgekehrt. Die gekürzte Version wirkt abgehackt, weniger flüssig. Nur die Regentropfen gefallen mir. Sie machen es anschaulicher, konkreter.
    Der Kranichzug in der Form funktioniert für mich auch nicht als Oxymoron. Der Widerspruch wirkt unfreiwillig, als wäre er bei der Überarbeitung durchgegangen. So jedenfalls mein Eindruck, wenn nicht in einer weiteren Strophe diesem nicht scheinbaren, sondern tatsächlichen Widerspruch eine Funktion gegeben wird.

    Comment by Sigune — 4. Oktober 2017 @ 06:24

  6. Für das “verzogen” kommt es ja auf die Perspektive an. Für andere ist der Kranichzug “verzogen”. Insofern transportiert der verzogene Kranichzug wunderbar einfach das Gefühl. Oder wie meine Großmutter immer sagt: Emotion geht über (scheinbare) Logik. Das ist ein Gedicht.

    Comment by Rotkäppchen — 5. Oktober 2017 @ 18:26

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar