Dichter auf Pervitin

“Hinter jedem Steind hockt ein Nazi” (frau kleist, am 17. Oktober 2017 um 22:15)

Da gibt es diese Tafeln in dieser steinigen Landschaft an der Grenze. An manchen Steinen. Am Mönchstein. Oder am Haus im Dorf. Zur Erinnerung. „Am 21. April 1945 ermordete hier ein SS-Kommando der Todeskolonne aus dem KZ Schwarzheide die Antifaschisten Harry Braun, Josef Lichtenstein, Josef Ruzicka, Paul Polacek, Oskar Sabota und einen unbekannten Franzosen.“ Steht da. So eine Tafel, die musste neulich mal erneuert werden. Weil irgendeiner sie zerschlagen hatte. Aber die Nazis, die sind jetzt auf Speed. Nazis auf Speed. Seit der Wahl. Oder besser auf Crystal Meth, das gibt es ja billig gleich hinter der Grenze. Pervitin, wie es damals hieß. Die hocken nicht mehr hinter Steinen. Die klotzen jetzt. Die schreiben jetzt offene Briefe. Die nennen sie dann Appell „Charta 2017“. Wahnsinn. Als ginge es hier um die Magna Charta. Die stehen jetzt auf den Steinen. Bauen Türme aus ihren Steinen. Stehen oben und schreiben. Schreiben “Gesinnungsdiktatur”. Schillern dabei wie Eisvögel. Berauschen sich. Reden über “Die Schlacht um Stalingrad im deutschsprachigen Roman nach 1945″. Und die Buchhändler aus dem Tal sind auch dabei. Klar. “Von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht.” Das verkaufen die. Klar. Das fällt ja unter Meinungsfreiheit. Ich hau dir eine rein, und das ist dann meine Meinung. Lasse ich mir nicht verbieten. Lass mir mein Pervitin. Charta 2017.

Dieser Beitrag wurde von Eleadora Stein am 18. Oktober 2017 um 09:05 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

12 Kommentare »

  1. 1) “Nazis auf Speed” – Lied der Band “Die Krupps”: https://www.youtube.com/watch?v=0fRB27kFOG0
    2) Pervitin – Wunderpille der Wehrmacht. Auch verwendet von Bundeswehr und Volksarmee. Später im Vietnamkrieg von der US-Army benutzt
    3) Die hocken nicht mehr hinter Steinen. – Anspielung auf den Text “Hinter jedem Steind hockt ein Nazi” von frau kleist.
    4) klotzen – Anspielung auf das Spiel Minecraft
    5) Charta 2017 – Pamphlet, das Meinungsfreiheit für Nazis fordert
    6) Der Turm – Roman von U. T., Erstunterzeichner des Pamphlets
    7) Der Eisvogel – Roman von U. T., Erstunterzeichner des Pamphlets
    8) Die Schlacht um Stalingrad im deutschsprachigen Roman nach 1945 – Titel der Doktorarbeit von J. B., Erstunterzeichner des Pamphlets
    9) Von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht – Zitat aus einem Buch eines Rechtsradikalen, verlegt in einem Rechtsverlag, der im o. g. Pamphlet verteidigt wird
    10) Buchhändler aus dem Tal – S. D., Initiatorin und Erstunterzeichnerin des Pamphlets
    11) Nazi – Mitgliedschaft in NSDAP, NPD, AfD oder sächsischer CDU ist keine notwendige Voraussetzung für diese Bezeichnung

    Comment by Fußnotenapparat — 19. Oktober 2017 @ 08:59

  2. Am 21. April 19XX wurde ich

    Comment by geboren — 20. Oktober 2017 @ 07:27

  3. Ihr Text, Frau Stein, bewegt sich für mich im Bereich zwischen Kommentar (aber dafür argumentiert er zu wenig) und Literatur (dafür behauptet er zu viel) und bleibt da irgendwie unentschieden.

    Comment by 2004, als die arabischen Länder zu Gast waren, wurden etliche Bücher mit offen antisemitischen Inhalten ausgestellt — 20. Oktober 2017 @ 10:01

  4. Eleadora, Du überraschst mich immer wieder. dass Du so undiplomatisch und herrlich böse sein kannst, das gefällt mir wirklich sehr!

    Comment by das tut gut in all den braunen Schwaden, die gerade durchs Land ziehen — 20. Oktober 2017 @ 10:04

  5. Applaus für Frau Stein ist ja ganz schön, denn sie hat sich da wirklich wieder einen geleistet. Sie verblüfft, wo wir es am wenigsten erwarten. Aber es sollte doch erwähnt werden, dass Frau Kleist hier die – noch bösere, da archaischere – Vorlage erbracht hat. Das Original, an dem schon wieder fleißig weiter geschrieben wird. Aber wenn das Original dann mal gebraucht wird, sollte es auch immer noch auffindbar sein. Alles andere wäre ein unverzeihlicher Fehler.

    Comment by Noch böser — 20. Oktober 2017 @ 11:04

  6. Aber ja. Verzeihung. Sie haben recht. frau kleists Text “Hinter jedem Steind hockt ein Nazi” ist Original und Ausgangspunkt. “Dichter auf Pervitin” nur ein kleiner Ableger. frau kleist, auch wenn ich sie nicht immer erwähne, ich schätze sie und ihre Texte wirklich sehr hoch. Von ihnen lerne ich unglaublich viel. Immer wieder. Ich werde jetzt mehr darauf achten. Fußnotenapparat wurde ergänzt.

    Comment by Eleadora Stein — 20. Oktober 2017 @ 11:47

  7. ich lese das hier gerade. Das ist ja fast zuviel des Lobes. Ich habe zumeist das Gefühl, dass ich Mist einstelle. Was soll man da tun? Warten, dass andere einen gut finden? Behaupten, dass man es kann? Tja. Der Autor ist ein eitles, von seinen Mitmenschen abhängiges Wesen. Manipulierbar, ich freue mich aber trotzdem!

    Comment by frau kleist — 20. Oktober 2017 @ 13:37

  8. Die Wälder und Berggipfel erscheinen bei schlechterer Wetterlage sehr bizarr und unwirklich und
    können schnell aufs Gemüt schlagen.

    Comment by könnte von frau kleist sein, ist es aber nicht — 27. Oktober 2017 @ 12:51

  9. Frau Stein, heute Morgen haben wir so klare Luft. Mein Gefühl sagt mir, Sie könnten nun – ein Traum? ein Traum! vom “Traumzauberbaum” – begriffen haben, dass es zu jeder Meinung eine begründungsfähige Gegenposition gibt. Denn genau das gebietet uns die Phantasie, deren zweites Zuhause die Mitmenschlichkeit ist. Und bitte, bitte unterstellen Sie mir künftig nicht, ich würde – nur weil meine normative Position (etwas) von Ihrer abweicht – Menschen unterstützen, die Menschen schlagen, treten oder anderweitig quälen.

    Comment by Annenkov — 18. November 2017 @ 07:19

  10. Es wird immer jemand geben, der die Verwandlung des Feindes in einen Gegner nicht anerkennt. Es geht um die Definition der Grenze zwischen dem legitimen Gegner und dem illegtimen Feind.

    Comment by Zombiekonzept 4 — 18. November 2017 @ 09:08

  11. Es geht. Es geht. Es geht. Und weil es Dir in erster Linie darum zu gehen scheint, dass genau Du das letzte Wort behälst, geht der Scheiß, der Du bist, immer weiter.

    Der Scheiß, der ich bin. ich war. ich werde sein

    Comment by "die Defonition der Grenze" — 18. November 2017 @ 12:09

  12. FInde ich gut. Den Austausch von Obszönitäten. Darauf kann sich Solidarität gründen, mehr noch als auf die Hochkultur.

    Comment by Jugoslawien 1981 — 20. November 2017 @ 22:32

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