Der Schlaf

Sie entschlafen sich, jeder für sich. Des einen sei nicht der Schlaf des anderen. Kein Strahl der Gewohnheit.
Ihr inneres Sprechen, nie nach außen gedrungen; ein Sprechen in die Eingeweide, das muss sie begleiten, jeden für sich, auch im Schlaf.
Gleich nach dem Eintreten erschlafft er bis zur Unkenntlichkeit; vor der Hochzeit hatte sie dergleichen bei ihm nie gesehen; sinkt, noch in seiner verstaubten Arbeitskleidung, nieder, nach einer Zigarette dann, zu seiner einzigen Rettung, dem Schlaf.
Auch Sie ist nie ausgeschlafen, nutzt jede Gelegenheit zum Hinlegen.
Sie erzählen sich nicht gegenseitig ihre Träume; die wenigen Male, da sie an seinen rüttelte, ihn aufwecken wollend, sah sie ein Unheil lauern, unterbräche sie jemals diese im falschen Augenblick. Sein Schlaf, auch ihre Rettung.

Dieser Beitrag wurde von Mariusz Lata am 30. Oktober 2017 um 10:56 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

8 Kommentare »

  1. Der Text gefällt mir, auch wenn ich nach zwei Jahrzehnten fruchtbarer Ehe ihn nicht teilen kann. Zurück zum Wort: Da ist weniges überflüssig. Streicht man es, wirkt der Text stärker, wuchtiger, erschütternder. Überflüssig ist m.E. nach in der textlichen Reihenfolge:
    “An ihrer gepunkteten Beziehungslinie läßt sich ablesen:”
    “den Innenraum hinein”
    “versandeten”
    “schläft der Kleine”
    “freilich auch nicht gegenseitig”
    “also”

    Zudem erscheint mir das “&” hier deplatziert, wie auch “der Kleine”. Kinder würde ich hier völlig raushalten, sonst heißt es gleich: Klar, das Balg blökt, die Ehe findet nicht statt. Und das ist nach meiner Erfahrung Quark. Ausm Nähkästchen: Kompliziert wirds erst, wenn die Gören über 14 sind und ihre Lauscher aufstellen…

    Des weiteren stolpere ich über den zweideutigen Satz: Gleich nach dem Eintreten erschlafft er bis zur Unkenntlichkeit. Mmh. Wer?

    Ich bleibe aber dabei: Ein schöner Text, ein trauriger Text, an dem sich das Abarbeiten lohnt!

    Comment by Eheberatung — 30. Oktober 2017 @ 19:05

  2. Haben Sie Dank für Ihre Vorschläge. Das ist eine alte Miniatur, die jetzt tatsächlich wuchtiger klingt.

    Das “versandet” sollte übrigens ein Hinweis sein, auf die Tätigkeit des Mannes als Arbeiter am Sandstrahler.

    Liebe Grüße,
    Mariusz

    Comment by Mariusz Lata — 30. Oktober 2017 @ 19:28

  3. Nochmal ein Gedanke, der mich in den Schlaf hinein begleitete: wie sieht der Text ohne die vielen Satzunterbrechungen durch Komma aus? Also kurze Sätze, auf Komma weitgehend verzichten?
    Und dann die Passage, die mit “vor der Hochzeit” angedeutet ist, ausbauen: wie waren die (gemeinsamen) Träume vor der Hochzeit? Was haben sie sich darüber erzählt…
    Wie gesagt: Die wenigen Sätze lassen mich nicht so einfach los.

    Comment by Eheberatung — 31. Oktober 2017 @ 08:36

  4. …und: “Des einen IST nicht der Schlaf des anderen.”

    Comment by Eheberatung — 31. Oktober 2017 @ 08:41

  5. Liebe Beraterin,

    Entschuldigen Sie, dass ich recht spät antworte. Zwischen dem Lesen von Korrekturfahnen, der Broterwerbsarbeit & der Arbeit an Gedichten, fand sich keine Zeit.

    Kurze Sätze haben doch etwas von einer Atemlosigkeit oder meinen Sie nicht?

    Liebe Grüße,
    Mariusz.

    Comment by Mariusz Lata — 3. November 2017 @ 19:37

  6. Sehe ich nicht so. Natürlich sollten Sie nicht alles mit Punkten “abhacken”, allerdings ist der Text zu kommalastig:
    “Ihr inneres Sprechen, nie nach außen gedrungen. Ein Sprechen in die Eingeweide, das muss sie begleiten. Jeden für sich. Auch im Schlaf. Gleich nach dem Eintreten eine Zigarette. Dann erschlafft er bis zur Unkenntlichkeit, sinkt, noch in verstaubter Arbeitskleidung, nieder zu seiner einzigen Rettung, dem Schlaf. Vor der Hochzeit hatte sie dergleichen bei ihm nicht gesehen. Auch sie ist nie ausgeschlafen, nutzt jede Gelegenheit zum Traum, wenn er sich denn einstellt im erschöpften Schlaf. Diese Träume erzählen sie sich nun nicht mehr. Die wenigen Male, da sie an seinem Arm rüttelte, ihn aufwecken wollend, sah sie ein Unheil lauern, würde sie seine Träume unterbrechen. Als sei es im falschen Augenblick.
    Sein Schlaf, auch ihre Rettung.”

    Comment by Traumdeutung — 4. November 2017 @ 12:45

  7. Das betonte zu sehr das Psychologische. Es geht aber um das Geheimnis & eben um das Psychophysische, den Schlaf.
    Die Betonung des Traums, machte das Psychologisieren unausweichlich.

    Comment by Mariusz Lata — 5. November 2017 @ 13:00

  8. Ich hatte dreimonatigen Schlafentzug. Da ging nichts mehr. Mein Arzt psychologisierte rum: Stress, Kindheitstrauma, unbewältigte Erfahrungen… Er riet mir zum nächtlichen Duschen, Bügeln, Fernsehschauen. Des Nachts könne man unglaublich kreativ sein! Ruhig solle ich daliegen, einfach nur liegen. Man müsse nicht schlafen, Ausruhen genüge. Ich stellte mir ein Farbkreis vor, viele Farbkreise. Dunkle Farben. Tiefe Farben. Immer, wenn ich spürte, dass mein Geist bereit war, in den tiefen Strudel hinabzufallen, zuckten meine Muskeln empfindlich und eine blecherne Stimme sang: “Hallo, hier kommt Jasper und er kommt von sehr weit her.” Ich verzweifelte. Ich weinte. Ich wütete. Und wechselte meinen Arzt. Den psychologisch Psychologisierenden. Was es war, dass mich am Date mit Hypnos und Morpheus hinderte? Ein fehlendes Hormon in der Nebennierenrinde. Eine Spritze, ein paar Tabletten und endlich die Erlösung! Mitten am Tag: Ich sah einen Baum im Park, setzte mich drunter und schlief. Schlief. Stundenlang. Bis ein blöder Köter an mir schnüffelte und sein Bein hob… bevor er sich erleichterte, trat ich drauf. Auf das Bein. Blöder Köter. Und zog von dannen. Nach Hause.
    Jasper ist übrigens ein Pinguin aus der gleichnamigen Kindertrickserie.

    Comment by Beratende Traumdeutung — 5. November 2017 @ 17:19

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