Selbstgespräch nach Kafka

These/Anklage/Verdacht: Der Strang, an dem die Handelnde sich aufhängen wird, ist gleichbedeutend mit ihrem Wunsch nach Sicherheit.
Beweis/Führung/Spruch: Die Unabhängigkeit der Gerichte war ihr stets ein letzter Trost gewesen. Sie vertraute darauf, sich vor ihnen auf die Rechtmäßigkeit ihres Handelns berufen zu können.
Aber wie war das möglich? War ihr Handeln denn rechtmäßig, wie sie selbst überzeugt war? Fand es doch in einem ganz und gar anderen, in einem von Grund auf rechtsfreien Raum statt (dem gesellschaftlichen), in den das Gericht zwar einzugreifen versuchte, aber niemals notwendig und von sich aus, sondern stets erst nach einer Anklage, welche aus Kränkung oder niedriger Gesinnung angeregt und von parteilichen Stellvertretern vorgetragen wurde. Konnte so jemals Recht entstehen? Konnte dort Recht werden, Recht gesprochen werden, wo ursprünglich nur Parteilichkeit herrschte?
Die Frage ist falsch gestellt, sagte sie. Recht entsteht nicht, Recht ist, und zwar in Form der unabänderlichen Gesetze.
Aber die Gesetze werden dauernd verändert! Wir geben sie uns selbst, wir oder die anderen, und kennen wir sie denn? Und selbst wenn wir ein Gesetzbuch kaufen, ist sein Drucktermin nicht ein längt verstrichener Zeitpunkt und wird nicht zur gegenwärtigen Stunde schon wieder an der Veränderung, ja Anpassung des Unveränderlichen, schlechthin Unanpassbaren mit allen Finessen gefeilt? Bewegen wir uns nicht im Schwebezustand zwischen zwei Büchern, das eine veraltet, das neue noch unbekannt?
Ja gewiss, sagte sie müde, aber die Gesetze sind doch so viele, sie sind ein harter Brocken, ein großes Gebirge, sich dort durchzugraben oder zu -feilen bedarf wohl tüchtiger Werkzeuge und sollte eigentlich – so ist es vorgesehen – niemals gelingen.
Wie ein Ausbruch aus einem Gefängnis, scherzte die andere.
Etwa so.
Das tröstet mich nicht über ihren Geburtsfehler hinweg. Ich frage mich, sagte sie plötzlich kühn, ob nicht das Gesetz nur eine Metapher ist, ein dürftiges, unsinnliches Bild, womit wir unsere Lebensgeschichte meinen.
Und nicht nur ein Einzelner, eine ganze Nation will mit dieser Lebensgeschichte in Atem gehalten werden! rief sie zurück. Spannend ist das, “Die Gesetze”, – ein Spielfilm! Und die ständige Korrektur zwingt die Geschichte rückwärts auf die Gleise.
Halt! befahl sie sich selbst. Dass das Gesetz für die Ewigkeit bestimmt ist, sieht man schon daran, dass das Gericht in der zeitlichen Ausdehnung des Prozesses nicht auf menschliche Zeit Rücksicht nimmt. So ein Prozess dauert lange, sehr lange.
Ewig! Ewig! unterbrach sie sich.
Und die menschliche Angelegenheit, aus der heraus es zur Anklage kam, stellt sich den Beteiligten während ihres Verlaufs, erst recht an ihrm Ende, möglicherweise völlig verwandelt dar, und dies wäre ganz natürlich, zumal die Parteien unterwegs viel Geld verlieren. Weder der Kläger noch der Angeklagte erkennen sich schließlich in einem so lange dauernden Verfahren, wie bei uns üblich, noch wieder. Sie verarmen, verbittern. Und war für einen Sinn hat es denn dann?
Einen übergeordeneten! Es hat einen Sinn in sich selbst, erschließt sich wahrscheinlich nur den Zuschauern, nicht den Beteiligten selbst!
Für die Zuschauer, die die Kompliziertheit des einzelnen Prozesses gar nicht erfassen können, so eilig gehen sie an der Sache vorbei, für diese Spezies ist das Recht gemacht! So ist es gar nicht für die Menschen gemacht?
Du verwechselst das Gesetz und das Gericht! rief sie, und ich habe den Eindruck, dass du dies mit Absicht tust, um mir die Sicht zu vernebeln! Im Gericht arbeiten natürlich fehlbare Menschen, lediglich das Gesetz ist das Gesetz.
Die andere wiegte bedächtig den Kopf.
Allerdings kann man nicht annehmen, sagte sie gleich darauf ermattet, dass die Fehlbarkeit der Beamten an den Gesetzen spurlos vorübergeht. Ich bin vielmehr der Auffassung, dass die Gebrechlichkeit der Gerichtsbeamten, ihre morscher werden Knochen, das Gesetz gleichfalls brüchig werden lässt.
Hör auf mit diesen Vergleichen! rief die andere. Das Gesetz ist ein Fels, ein Stein! Du kannst darauf verweilen, so lange du lebst!
Aha, sagte sie, diese Bemerkung verrät dich. Denn was du sagst bedeutet, das Recht sichert mein Leben keineswegs. Und so scheint es mir auch: ich kenne nicht ein Gesetz, das im Ernstfall für mich spräche, im Gegenteil. Erstens kenne ich überhaupt kein Gesetz. Zweitens wäre ich im Ernstfall, auf den alleine es ankommt, auf wohlwollende Auslegung angewiesen wie nichts sonst, und da das Gesetz nicht in unsere Körper eingebrannt ist und von selbst statt hat, sondern vor- und zurückdebattiert zu werden pflegt, fängt vor dem Gesetz die Schwierigkeit allen Lebens überhaupt erst an. Nur jemand, der einmal in einem Verfahren stand und sich verteidigen musste, kann überhaupt als ein reifer Mensch angesprochen werden.
Es ist doch zum Haareraufen! rief sie. Dauernd widerspricht du dir! Erst sagt sie das Eine und im selben Atemzug das genaue Gegenteil!
Dies eben entspringt der Unsicherheit, in die jeder verfällt, der vor dem Gesetz steht.
Aber das Gesetz selbst ist unsere Sicherheit!
Mag sein. Doch dann können wir die Sicherheit niemals erfahren. Wir müssten ihm ganz verfallen, und begegneten dem Gesetz erst in den Vorboten, dann in den Vollstreckern des schrecklichen Satzes: Sicher ist nur der Tod.

Dieser Beitrag wurde von katrin heinau am 3. Dezember 2007 um 13:36 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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