Motten

Manches, was wir sagten, war wie heiße Luft.

Ich wählte meine Kleider diesmal noch sorgfältiger aus. Als ich den
Kleiderschrank öffnete, fiel mir der Wintermantel entgegen. Er war
voller Löcher, eine frisch geschlüpfte Motte kroch aus dem Pelzkra-
gen. Angeekelt ließ ich den Mantel auf das Parkett fallen. Ich schob
die übrigen Kleider auf der Stange auseinander, die verschiedenarti-
gen Empfindungen an den Fingern und die Farben narkotisierten
mich. Ich lief zum Fenster, öffnete einen Flügel. Wärme kam mei-
ner Hand entgegen und versprach eine laue Nacht.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 14. Dezember 2017 um 14:03 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

9 Kommentare »

  1. Tja, da hängen die Klamotten wohl zu dicht und vor allem nicht Fisch gewaschen im Schrank. Eine ideale Mottenbrutstätte. Ausmisten!

    Comment by Mottel — 14. Dezember 2017 @ 15:03

  2. Dass dieser Arzt Motten hieß, war für mich das Beste an der ganzen Geschichte.

    Comment by Das Beste — 14. Dezember 2017 @ 16:29

  3. Motten hatten wir hier schon einmal. Die fliegen, wie hier gelernt haben, zum Mond. Gestern leuchtete übrigens die ganze Nacht der Mond silberhell zu meinem Dachfenster herein. Bis ich bemerkte, dass sich der Mondlichtschatten meiner Orchidee gar nicht bewegte. Das hat eine Weile gedauert, bis ich das begriffen hatte. Die Arbeiter hatten nebenan in der Grube einen Kran errichtet. Oben am Ausleger ist ein viereckiger Mond angeschraubt. “Steinerle Bau” steht da drauf. Die ganze Nacht. Da fliegen die Motten jetzt hin.

    Comment by Eleadora Stein — 16. Dezember 2017 @ 19:15

  4. “Ich lief zum Fenster, öffnete einen Flügel.” – Einen Fensterflügel, oder ist das “Ich” selbst eine Motte, die einen ihrer beiden Flugflügel öffnet?

    Comment by noch eine Frage — 16. Dezember 2017 @ 19:16

  5. Mensch, das war eine Klamotte, die hat da ihre Flügel geöffnet.

    Comment by Kalauer — 16. Dezember 2017 @ 19:21

  6. Gestern, der Engel im Weihnachtstheaterstück, die hatte nur noch einen Flügel. Sie hat sich ganz schön die Treppe hochgequält. Im Palais von Augustus.

    Comment by da fehlte der zweite Flügel — 16. Dezember 2017 @ 19:25

  7. Gestern habe ich wiederholt in meinem Schrank gewühlt. Es kam etwas zum Vorschein. Willst du wissen, was es war?

    Comment by Klub der alten Schachteln — 20. Dezember 2017 @ 13:47

  8. Manchmal im Leben, muss man sich entscheiden: Zum Beispiel zwischen einer Freudausgabe und einem Flötottoregal. Dazu gibt es folgendes zu sagen: Es gab da in den 70ern mal so Schreibtische für haltungsschwache Kinder. Die konnte man anklappen, hoch- und runterfahren, und die waren teuer. Vater musste auch an den Wochenenden dafür schuften. Vater Freud als Ausgabe hingegen wiegt so viel, dass sich damit, richtig angewendet wohlbemerkt, auch für wenig Kröten Haltungsschäden noch im Erwachsenenalter ausgleichen lassen. Und der Inhalt macht nun auch nicht gerade dümmer.

    Comment by Diese Dame ist haltungschwach — 22. Dezember 2017 @ 16:55

  9. Früher blökte der Wollmantel. Heute schreiben wir Geschichten über ihn.

    Comment by War das jetzt im Sinne von Herder? — 27. Dezember 2017 @ 18:04

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