In memoriam

Auf dem Amt für empirische Literatur hatten sich zwei Hypochonder und eine Hysterikerin eingefunden. Die Hysterikerin hatte Vorrang. Sie hatte gerade ihren Mann mit einem alten Studienkollegen betrogen und erhoffte sich dringenden ästhetischen Beistand. Aber der Sachbearbeiter runzelte nur die Stirn. Nach einem Schweigen, das als Echo von den Wänden zurückprallte, äußerte er kurz und trocken: “Franz, dieser Fall geht an dich. Sieh zu, ob du ihr Eselsohren wachsen lassen oder lieber einen handfesten Käfertraum verpassen willst. Diese eingebildeten Menschen werden immer frecher. Neulich war einer bei mir, der erzählte mir die Geschichte irgendeines Großonkels aus der mütterlichen Linie, an dessen Grab heutige Dorfbewohner eine Kakerlakenhochzeit veranstaltet hätten. Als ob solcherart Produktwerbung auch nur im Ansatz etwas mit dem zu tun hätte, worum wir uns hier kümmern sollen.” Eine Tür schlug zu. In der Ferne quietschten die Ketten oder Seile eines Paternosters.

Dieser Beitrag wurde von chlebnikov am 15. Dezember 2017 um 09:41 Uhr geschrieben.

Genre: Erinnerungsbrösel

10 Kommentare »

  1. Fahren Sie auch so gerne Paternoster wie ich? Diese Angst vor dem Absturz und das Beobachten anderer Leute beim Auf- und Abstieg. Wir haben noch keine Pflegestufe, aber immer schon das voyeuristische Gemüt aus Adersheim.

    Comment by Hysteriker — 15. Dezember 2017 @ 10:14

  2. Pflegegrad, GRAD. Das ist der neue Ausdruck. Bitte benutzen Sie diesen, ich hyperventiliere sonst…

    Comment by Ein Hypochonder — 15. Dezember 2017 @ 12:52

  3. Ich fühle mich angegriffen, Herr Chlebnikov. Von Ihnen und den Kakerlaken in Ihrem Text. Allein Ihre Begrifflichkeiten „Eselsohr“ und „Käfertraum“ lassen mich nicht ruhig im Mittagsschlaf, der doch mein literarisches Potenzial voll entfalten soll.

    Comment by Der andere Hypochonder — 15. Dezember 2017 @ 12:58

  4. Das erste ist von frau kleist, das zweite von Rapunzel und das Dritte vom admin, alias Holz, Stein, Busskläff.

    Comment by Enthüllt aber nicht entglitten — 16. Dezember 2017 @ 01:35

  5. Nr. 4
    Auch ich fühle mich angegriffen von Ihren vorschnellen Ergebnis. Weil, ich bin es!

    Comment by DER Hypochonder — 16. Dezember 2017 @ 11:59

  6. Von IHREM. M!
    Luft! Eine Tüte! Schnell!!!!!

    Comment by Hysterikerin — 16. Dezember 2017 @ 12:00

  7. Man muss schon sehr genau differenzieren. Ein geschriebener Paternoster ist etwas anderes als ein echter als ein gedachtes Zeichen als ein gesprochener als ein gedachter Paternoster. Und ein gesprochenes Paternoster, das ist wieder etwas ganz ganz anderes. Neue Paternoster dürfen ja heute nicht mehr in Betrieb genommen werden. Das war ein herrliches Ding, dieser Paternoster, in der Uni in Leipzig am Karl-Marx-Platz. Da konnte man direkt hoch zum Direktor fahren. Ohne zu warten. Ist jetzt beides verboten. Der Paternoster. Und der Karl-Marx-Platz. Der König ist zurück. Nicht die Königin.

    Comment by Eleadora Stein — 16. Dezember 2017 @ 19:06

  8. Ich stand am Fenster. Ich setzte die Lesebrille auf. Endlich konnte ich die Aufschrift auf dem Kran erkennen. Ich hatte keine Lust, sie vorzulesen. Schon in der Schule hatte ich trotz Brille nichts vorgelesen. Ich setzte die Lesebrille wieder ab; die Schrift verschwamm. Das Verschwimmen tat mir gut. Ich legte mich wieder hin. Es war immer noch hell. Zu hell. Draußen war es zu hell. Ich griff in die Nachttischschublade und setzte die Schlafbrille auf.

    Comment by Gute Nacht — 22. Dezember 2017 @ 00:45

  9. Genau. Lesebrille ist etwas anderes als eine Vorlesebrille.

    Comment by differance — 22. Dezember 2017 @ 15:08

  10. Wir gehören zur Vorlese.

    Comment by Nach- und Auserlesene — 22. Dezember 2017 @ 15:46

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