Opfer der Eizellen

1.

Nun, vielleicht wollte sie ein bisschen Zucker. Wer ist schon freiwillig gern Frau? Und ich habe ein biologisches Geschlecht. Das ist das derzeit noch unabänderliche Schicksal menschlich-physischer Existenz. Ich will nicht sagen, dass ich es verabscheue, hat es mir doch in so manchen Stunden meines Lebens viel Vergnügen und Ersprießlichkeiten bereitet. Morgen könnte ich als Junge erscheinen, und Sie würde es nicht einmal merken, denn ich kann meinen Busen so flachpressen, dass er sich in die Rippen senkt. Eine tiefe Stimme habe ich überdies, und ich kann sie noch tiefer machen. Ich könnte Sie perfekt täuschen, und Sie würden es nicht einmal merken! Von natürlichen Aufgaben sollte hier besser gar nicht mehr die Rede sein. Übrigens recht unhygienische Angelegenheit. Sicher liegt es bei fast 37 Grad unter der Bettdecke, dünstet aus und freut sich darüber, das warme Menschentier. Aber ich bitte Sie, sollten wir zwei und nicht gemeinsam Dingen widmen, die oberhalb der Halskante liegen? Ist nicht der menschliche Körper, dem Verfall preisgegeben, eine eher unappetitliche Sache? Sollten wir unseren Diskurs durch solcherlei verunreinigen? Ich denke, nein. Ich komme ja nicht als biologisches Geschlecht „Frau“ zu Ihnen, und im übrigen arbeite ich gerade hartnäckig (feinste Laubsägearbeit) daran, dem Geschlecht „Frau“ mein neues, ganz individuelles Gesicht zu geben. Meine Texte handeln davon. Nicht, dass sie den Mann zum Objekt machten. Nein, ich lasse Gnade vor Recht ergehen und erhebe den Mann in einen adligen Stand, mir ebenbürtig. Und nun möchte ich Ihnen etwas anvertrauen: Ich erschaffe männliche Figuren, zu meiner Lust, und gestern bin ich auf einer Fotografie dem blonden Langhaarigen begegnet. Es war herrlich, noch jetzt fühle ich meine Eingeweide schmerzhaft und lustvoll zugleich absinken (haben Sie die Güte, mir zu verzeihen, dass ich Ihnen nun doch ein wenig über die körperliche Seite meines Seins beichte). Das Thema ist meine Lust und meine Last. Diese ziselierte Redensart habe ich unserem großen Dichter des 20. Jahrhunderts, Herrn Thomas Mann, entwendet – er dehnte sie von der geschlechtlichen Liebe, bzw. dehnte sie, von dorther kommend, auf das Leben als Gesamtkunstwerk aus – dieses sei dem Menschentier, das doch gern Engel wär, eine Lust und eine Last. Doch das Ausdehnen gewisser Körperteile sollten wir denn doch besser den Frauen überlassen, schließlich tun sie es seit Jahrtausenden und haben sich nicht schlecht darin bewährt. Wir alle sind Opfer der Eizellen.

 

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 2. Juli 2018 um 16:52 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe

1 Kommentar »

  1. Wir atmen doch, wir verändern uns!

    Comment by Endspiel — 3. Juli 2018 @ 21:59

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