Schwarze Linie im Schnee

Es gab kürzlich die Umfrage auf einer Internetseite, ob uns der Winter fehle. 58% antworteten mit “Ja”.

Einzelne Fußgänger gingen mit Esther den Gehsteig entlang. Sie liefen schneller. Eine Frau zog das braune Fell des Kragens über den Hals hoch und spannte einen Schirm auf. Esther tat nichts dergleichen. Nicht bei Schnee. Sie öffnete die Haare, löste das Gummiband, eine Kopfbedeckung trug sie nicht. Ihre Handschuhe waren aus grauem Wildleder und zu dünn für dieses Wetter, die Hände froren darin, doch sie beeilte sich nicht. Sie ließ den Schnee auf sich niedergehen. Sie erlaubte dem Schnee, sich auf die Haare zu legen und dort zu zerschmelzen, sie erlaubte den Schneeflocken, ihren dunkelgrünen Mantel zu bedecken, sich zwischen die rauhen und glänzenden Fusseln zu setzen und das gewebte Material an seiner Oberfläche naß zu hinterlassen. Wenn es später getrocknet war, würde man zwischen Eichenmoos und Jasmin auch Esthers Haut und den Schneesturm riechen. Sie war keine Hündin, die sich nach Regen oder Schnee ihres Odeurs schämen mußte. Die kleinen Kristalle auf ihrem Haar schmeckten kalt. Sie kamen von irgendwo her, aus dem Nichts in dieses dichte Grauweiß und endeten auf Esthers Zungenspitze – sie endeten dort, weil etwas sie ertastete. Esthers Haare waren so lang, daß sie sie mit der Zunge berühren konnte, das reizte sie, es dauernd zu tun. Niemand sah ihr dabei zu, und die Frau mit dem Schirm war schon lange hinter der nächsten Häuserreihe verschwunden. Im Schnee schien Esthers Haar heller als im Licht ihres Zimmers, das rauchgeschwängert war, und in dem sie die Vorhänge heute gar nicht ganz aufgezogen hatte. Dunkelblond waren die Haare eigentlich, an manchen Stellen mehr braun, aber ein paar Strähnen schimmerten chromfarben in der Luft. Esther zog sie sich vor die Augen, wo sie naß und dunkler wurden. Esther war eine schwarze Linie im Schnee.

Die Dächer der geparkten Autos entlang der beiden Seiten des Gehsteigs trugen weiße Tücher wie die Möbel in den Wohnungen kürzlich Verstorbener oder wie die unberührbaren Gegenstände im Victoria and Albert Museum in London. Esthers Hände waren schon länger in die tiefen Manteltaschen gewandert und Wasser lief ihr über das Gesicht, machte die Augen schwarz von der Farbe, mit der sie die Wimpern getuscht hatte. Sie wußte, wie sie aussah und mußte lachen, es gefiel ihr. Vielleicht war das Haar nachher gewellt vom Schnee, es kitzelte Esthers Gesicht, sie wischte es fort. Die Hauseingänge mit den geschwungenen Türen lagen im Dunkel, manche waren farbig und noch frisch gestrichen in rot, taubenblau oder patinagrün, andere matt und das Holz von der Witterung zerfressen, die Klingelschilder verrostet und namenlos. Die Schaufenster der leeren Geschäfte waren blind vom Staub und Esther versuchte vergeblich, sich in ihnen zu spiegeln. Aber sie konnte die Zeitungen lesen, die hin und wieder zum Schutz vor die Scheiben geklebt wurden und von Ereignissen berichteten, die lange vergessen waren. Nur das rissige Gelb verriet Esther, daß sie sich in der Zeit geirrt haben mußte und nun keinen Spiegel in diesem Fenster mehr fand. Sie trat auf ein Stück Pappe, das aufgequollen unter dem Schnee lag und staunte über die Weichheit, sie trat eine alte Getränkedose aus dem Weiß hervor, und nur der Stiefel entlockte ihr ein dumpfes Blechgeräusch, das in der Luft wie Watte klang, nicht hell und hart. Die staubigen Häuser wechselten mit den blanken und geputzten, die blinden und leeren Schaufenster mit den warm oder kühl leuchtenden und ebenso menschenleeren, denn die Geschäfte hatten in dieser Gegend längst geschlossen. Esther bog um die Ecke, rutschte auf dem glatten Schnee, fing sich wieder und hätte sekundenlang nicht gestaunt, wenn jetzt ein bleicher Dichter sie geküßt hätte, schlank und schön. Esther ertrug solche Gedanken mit Stil. Ein Mann, der ihr entgegenkam und dessen dürrer Hund an die Hauswand pinkelte, grinste verwegen, war sicher, daß er mit Esthers Freude gemeint war. Esther wandte sich ab und ging weiter, sah im Augenwinkel, wie er den Hund von der Hauswand wegzerrte, sich nicht beeilte weiterzugehen und dann doch verschwand, er erwartete nichts von einer noch jungen Frau mit schwarz verwaschenen Augen. Sie wollte sich an etwas erinnern, das noch nicht geschehen war. Sie wollte sich an ein Ereignis erinnern, das Wasser und Farbe geschaffen hatten. Ein Ereignis, hingekleckst, die Nebenfigur am Rande einer Bühne, aufgetragen mit traniger Ölfarbe auf die Leinwand. Ein Ereignis, an dem man entlangwandern konnte.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 5. Januar 2018 um 23:19 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

27 Kommentare »

  1. Reihenfolge: Zuerst fehlende Kopfbedeckung, dann Gummiband, dann Haare öffnen,
    Punkte statt Komma. Das macht das Lesen einfacher und die Bilder gewaltiger.
    Eine Hündin schämt sich nicht. Zudem ist der Vergleich hier unnötig. Hundehalter hätten kein spätestens ab hier kein Verständnis mehr…
    Möbel in den Häusern Verstorbener werden schon seit Jahrzehnten nicht mehr abgedeckt…das Bild findet man siche nur noch in Ferienvillen bzw. Sommerhäusern.
    Im zweiten Abschnitt sind definitiv zu viele Adverben, Farben, Bilder….weniger ist mehr.

    Nun abschließend: Einige Strähnen schimmern chromfarben. Also grau. Am Textende allerdings ist von einer „noch jungen“ Frau die Rede. Wieso diese indirekte Altersangabe an dieser Stelle? Frau reicht.

    Ansonsten: Ein perfektes Stadtschmuddelwinterbild!

    Comment by Kreon — 6. Januar 2018 @ 13:07

  2. Also, ich meinte Messing. Chrom ist in der Tat falsch. Da habe ich mich vertan, ich erlag dem Klang des Wortes. Ihre Haare sind nicht grau, sondern eher etwas rötlich. Aber nur leicht. Die Hündin, die sich schämt, reflektiert die Protagonistin, also ihre Wahrnehmung von sich selbst. Objektiv ist es nicht verifizierbar, aber als gespiegelte Empfindung der Protagonistin gibt es Einblicke in ihre Psyche. (So sollte es bestenfalls sein.) Das Bild der “abgedeckten Möbel” ist ein gewollter, dem Text angemessener Anachronismus.

    Vielen Dank! (Hätten wir hier Akkustik, würde ich Ihnen jetzt eine Polka spielen. Oder einen “leichten Kavalleriemarsch”.)

    Comment by crysantheme — 6. Januar 2018 @ 13:55

  3. Also diese Fassung ist aus der Sprachetage weiter oben, also schon mehr Richtung Altbauwohnung mit Stuckdecke, wo der Zeit- und Sprachhorizont schon etwas weiter ist, während in der anderen Fassung der Zeithorizont schon eingeschränkter ist, da stehen schon ein paar elektrische Geräte im 30er Jahre Einheitsbau, aber eine angedeutete Stuckdecke gibt es hier auch. Aber richtig konsequent sind die beiden Fassungen nicht abgegrenzt, die andere Fassung wirkt igendwie noch unententschlossen und unschlüssig.

    Comment by Rotkäppchen — 7. Januar 2018 @ 21:56

  4. Also, wenn das alles nur ein Satz wäre, bloß Kommas, keine Punkte, das wäre noch mehr Bewusstseinstrom.

    Comment by Schneetreiben — 7. Januar 2018 @ 22:03

  5. Sehr interessant, Ihre Beobachtungen! Erkennen Sie in den beiden Fassungen eventuell einen Altersunterschied der Protagonistin Esther? Wie würden Sie ihr Alter generell einschätzen?

    Comment by crysantheme — 7. Januar 2018 @ 22:06

  6. Morgen früh soll es Minusgrade geben. Hat Esther einen Fuchs? Zudem ist eine Baske zu empfehlen. Haustiere vorsorglich nicht ins Freie lassen. Splitt und Salz fressen sich in Pfoten und Schnäuzchen.
    In Erwartung von glattem Schnee inklusive schlankem Schönling (Dichter alias Daniel Kehlmann willkommen),
    Dr. Dorothee von der Fee

    Comment by Von der Fee — 7. Januar 2018 @ 22:13

  7. Ich weiß nicht, ob das für den Text total egal ist, wie alt sie ist. Jedenfalls hat sie in beiden Fassungen Vorhänge. Außer meiner Großmutter hat ja heute niemand mehr Vorhänge oder benutzt das Wort Odeur. Andererseits ist Esther aber auch sehr verspielt, tastet mit der Zungenspitze herum. Klingt also eher nicht so, dass Esther alt ist, sondern eher, dass das der Winter 1907 und Esther jung ist. So eine Art Steampunkzukunftsvergangenheit, wo es schon viele Autos gibt aber noch weiße Tücher auf den Möbeln, also irgendwie so, als haben sich hier verschiedene Zeitschichten vermischt, als ob sich Gegenwart und Vergangenheit zu einer Kugel zusammengerollt haben…

    Was ich vielleicht sagen will: die äußere Zeit überdeckt hier das Alter der Protagonistin.

    Comment by Rotkäppchen — 7. Januar 2018 @ 22:17

  8. Esther ist Mitte, Ende Fünfzig, Jungfer?, auf jeden Fall Single. Glückliche Single. Und Haustierhasserin. Allergisch? Verträumt, ewig gestrig, eine Zuspätgeborene. Und damit ewig jung. Weil, ihrer Zeit hinterher. Die dort mal waren, also lebten, sind tot. Mausetot. Esther ist übrig geblieben. Und langweilt sich mit Weißblechdosen. Im Schnee. Hoffend auf einen Jüngling.
    Möchte man sagen: Esther, wach auf! ? Möchte man das?

    Comment by Die Kriminalistin — 7. Januar 2018 @ 22:18

  9. Nein. Möchte man nicht. Zumal es jetzt Schlafenszeit ist.

    Comment by Heiapopeia — 7. Januar 2018 @ 22:20

  10. Also ich habe auch immer den Eindruck, nicht mehr dazu zu gehören. Irgendwie hat mich die Zeit vergessen. Ich bin auch zurück geblieben. Allein. Single.

    Comment by Rotkäppchen — 7. Januar 2018 @ 22:27

  11. Mit Mitte, Ende Fünfzig, wären ihre Haare sicher grau. Das sind sie nicht. Eine Frau in diesem Alter tastet auch nicht an den Haaren herum und ist nicht verspielt. Das wäre schockierend. Das geht nicht, das funktioniert nicht. Darauf kann man beim Lesen nicht kommen, es sei denn, man ist etwas abwegig – oder es ist eine Projektion. Und ob sie “glückliche Single” ist oder “Jungfer” gar – davon redet der Text nicht, das ist ein reiner Gefühlseindruck. Woher dieser kommt, vermag ich nicht zu sagen.

    In einer anderen Diskussion, die anderswo zu diesem Text geführt wurde, stufte man Esther als “sehr jung”, und “maximal 20″ ein. Deshalb habe ich den Text oben noch einmal modifiziert, um diesen Eindruck raus zu nehmen. Doch nun muss ich sehen, dass jeder eine andere Lesart hat. Ist das vielleicht ein Zeichen von gelungener Indifferenz, Indifferance?

    Comment by crysantheme — 7. Januar 2018 @ 22:29

  12. Hier scheint Ihnen etwas wichtig zu sein, was im Text nicht wichtig ist. Da ist einfach jemand, der den Gehweg entlang geht. (Jedenfalls ist sie nicht auf dem Weg in die Schule und auch nicht aus dem Altersheim ausgerissen.)

    Comment by Rotkäppchen — 7. Januar 2018 @ 22:41

  13. “Steampunk” trifft es nicht schlecht. Ich nannte das, in aufkommendem intellektuellen Wahn wahrscheinlich, mal history-crossing. Gibt es diesen Begriff eigentlich?

    Comment by crysantheme — 7. Januar 2018 @ 22:52

  14. Chrysantheme, woher nehmen Sie die Gewissheit, dass mit Mitte Fünfzig die Haare sicher grau wären? Der Altbundeskanzler straft Sie Lügen…und ich auch. Einzig die bespielte Weißblechdose könnte auf ein jugendliches Alter hinweisen. Könnte.
    Dass Esther zumindest kinderlos ist, verrät die Textpassage mit dem Schneezungenspiel. Hätte Esther Kinder, wäre hier die Gelegenheit zum Vergleich.
    Hätte sie einen Partner, der daheim auf sie wartet, wären ihr vielleicht auch die schneeverkringelten Haare nicht egal.
    Ich bleibe dabei: Esther nimmt sich wahr. Allein. Und beschreibt dies gut, ausführlich, eindringlich. Eben weil sie auf nichts und niemanden weiter achten muss. Das ist ihr Pfund, ihr Vorteil.

    Comment by Die Kriminalistin — 8. Januar 2018 @ 07:29

  15. Life is history-crossing.

    Comment by Slavoj — 8. Januar 2018 @ 08:39

  16. Es gibt ja noch die differance zwischen “allein” und “einsam”.

    Comment by Jacques — 8. Januar 2018 @ 08:42

  17. Einsam bedeutet letztlich nur „nicht gemeinsam“. Welcher Idiot macht daraus das Verlassene, das Traurige?

    Comment by rapunzel — 8. Januar 2018 @ 09:00

  18. Und ich darf daran erinnern, das unser Leben, Ihres und meines, aus dem einsamen Samen entsteht. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, ein Samen schließlich gelangte zum Ziel. Einsam.

    Comment by rapunzel — 8. Januar 2018 @ 09:01

  19. Wir haben noch heißen Tee im Samowar.

    Comment by einsam überwintern — 8. Januar 2018 @ 10:09

  20. Ich komme vorbei und bringe die FAZ von heute mit. Feulliton zu empfehlen. Esther auch da?

    Comment by gemeinsam Tee trinken — 8. Januar 2018 @ 10:47

  21. Was ist denn heute so besonders am Föjetong? Habe leider keine Zeitung griffbereit. Wollen wir nicht lieber über das Buch “Schrift Ordnung Gestalt” von Ewald Jammers diskutieren? Nur so als Vorschlag am Rande.

    Comment by Teekoch — 8. Januar 2018 @ 13:51

  22. Besonderes? Was ist schon besonders an der Literaturbeilage einer Tages- oder Wochenzeitschrift? Dass in schöner Regelmäßigkeit Bücher als hervorragend und besonders lobenswert emporgehoben werden und sich nach drei bis fünf Jahren dann doch aufm Grabbeltisch wiederfinden.
    Na gut, ganz so defätistisch ist es dann doch nicht. Sagen wir, die o.g. Aussage stimmt nur zu 60%. Oder 70. Obwohl: 73,5%. O.k..

    Comment by Redakteur — 8. Januar 2018 @ 14:31

  23. Verzeihung, wenn da etwas an mir vorbei gegangen sein sollte – besagtes Buch von E. Jammers ist ein Beitrag zur älteren Musikgeschichte aus dem Jahr 1969 und nur antiquarisch zu erwerben… habe ich nun zu fürchten, dass sie seinen Inhalt auf meinen Text anwenden? Danke, bestens…

    Comment by crysantheme — 8. Januar 2018 @ 15:47

  24. Da sind verschiedene Aufsätze drinn zum Zwischenbereich zwischen Sprache und Musik. Also das Sprache ursprünglich als eigene Art von Musik betrachtet wurde. Musik mit Instrumenten ist eine andere Art von Musik. Sprache ist Musik. Schrift ist eine Partitur. Ich gebe ja zu, die Verbidnung ist nur lose … aber wenn sie ihren Text laut vortragen müssten, wäre er dann Musik?

    Und vielleicht hat ja Esther tief in ihrer Manteltasche ein antiquarisches Buch, so wie das, samtseidengrün, mit dem Odeur von Eichenmoos?

    Comment by Rotkäppchen — 8. Januar 2018 @ 15:58

  25. Die Faz hat Esther wohl eher nicht in ihrer Manteltasche.

    Comment by Topfgucker — 8. Januar 2018 @ 16:05

  26. In de Tat. Esther hat keine Tageszeitung. Weder in der Manteltasche, noch im Kasten. Ich sag doch: Aus der Zeit gefallen.

    Comment by Die Kriminalistin — 8. Januar 2018 @ 19:57

  27. In Erwartung glatter Akkorde verbleibe ich:

    Comment by Glattes Hundchen — 24. Januar 2018 @ 23:33

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