Januar

Nur wenige Fußgänger teilten den Gehsteig mit Esther. Eine Frau vor ihr zog das braune Fell ihres Mantelkragens über den Hals. Esther tat nichts. Nicht bei Schnee. Sie trug auch keine Kopfbedeckung. Jetzt öffnete sie die zusammengeknoteten Haare. Ihre Handschuhe aus grauem Wildleder waren zu dünn für das Wetter. Die Hände waren kalt, es schmerzte, doch Esther beeilte sich nicht. Sie ließ den Schnee auf sich niedergehen. Der Schnee legte sich auf ihre Haare und zerschmolz. Die Schneeflocken bedeckten ihren dunkelgrünen Mantel und setzten sich zwischen die rauhen und glänzenden Fusseln. Das gewebte Material saugte die Feuchtigkeit auf. Wenn es später getrocknet war, würde man zwischen Eichenmoos und Jasmin auch Esthers Haut und den Schneesturm riechen. Sie war keine Hündin, deren Fell nach Regen oder Schnee ein schlechtes Odeur annahm. Die Schneekristalle auf ihrem Haar wurden zu Wasser. Sie kamen aus dem Nichts in das dichte Grauweiß und endeten auf Esthers Haaren, auf ihrer Zungenspitze. Esther tastete durch ihr Haar. Die Haare waren mittlerweile so lang, daß sie sie mit der Zunge berühren konnte, das reizte sie. Zum Glück sah niemand dabei zu, die Frau mit dem braunen Mantelkragen war schon lange hinter der nächsten Häuserreihe verschwunden. Im Schnee schien Esthers Haar heller als im Licht des Zimmers, das rauchgeschwängert war, und in dem sie die Vorhänge nicht aufgezogen hatte. An manchen Stellen war das Haar mehr braun, aber etliche Strähnen schimmerten kupferfarben in der Luft. Esther zog sie sich vor die Augen.

Esther war eine dunkelgrüne Linie im Schnee. Die Dächer der geparkten Autos entlang des Gehsteigs trugen weiße Tücher wie die Möbel in den Wohnungen kürzlich Verstorbener. Gegenstände im Victoria & Albert Museum, mit den Schildern Touching the artworks is prohibited. Esthers Hände waren in die tiefen Manteltaschen gewandert und das Wasser lief ihr übers Gesicht, machte die Augen schwärzer von der Farbe, mit der die Wimpern getuscht waren. Esther wußte, wie sie aussah. Sie mußte lachen, es gefiel ihr. Vielleicht war das Haar nachher gewellt vom Schnee, es kitzelte ihr  Gesicht, sie wischte es fort. Die Hauseingänge mit den geschwungenen Türen lagen im Dunkel, manche waren farbig und noch frisch gestrichen in rot, taubenblau oder patinagrün, andere matt und das Holz von der Witterung zerfressen, die Klingelschilder verrostet und namenlos. Die Schaufenster der leeren Geschäfte waren blind vom Staub und Esther versuchte vergeblich, sich in ihnen zu spiegeln. Aber sie konnte die Zeitungen lesen, die hin und wieder zum Schutz vor die Scheiben geklebt wurden und von Ereignissen berichteten, die lange vergessen waren. Nur das rissige Gelb verriet Esther, daß sie sich in der Zeit geirrt haben mußte und nun keinen Spiegel in diesem Fenster mehr fand. Sie trat auf ein Stück Pappe, das aufgequollen unter dem Schnee lag und wunderte sich über die Weichheit, sie trat eine alte Getränkedose aus dem Weiß hervor, und nur der Stiefel entlockte der Dose ein dumpfes Blechgeräusch, das in der Luft wie Watte klang, nicht hell und hart. Die staubigen Häuser wechselten mit den blanken und geputzten, die blinden und leeren Schaufenster mit den warm oder kühl leuchtenden und ebenso menschenleeren, denn die Geschäfte hatten in dieser Gegend längst geschlossen. Esther bog um die Ecke, rutschte auf dem glatten Schnee, fing sich wieder, und es kam der Moment, in dem ein bleicher Dichter sie geküßt und infiziert hätte. Sie ertrug solche Gedanken mit Stil. Ein Mann, der ihr entgegenkam und dessen dürrer Hund an die Hauswand pinkelte, grinste verwegen, war sicher, daß er mit Esthers Freude gemeint war. Sie wandte sich ab und ging weiter, sah im Augenwinkel, wie er den Hund von der Hauswand wegzerrte, sich nicht beeilte weiterzugehen und dann doch verschwand, er erwartete nichts von einer Frau mit schwarz verwaschenen Augen. Sie wollte sich an etwas erinnern, das noch nicht geschehen war. Sie wollte sich an ein Ereignis erinnern, das Wasser und Farbe geschaffen hatten. Ein Ereignis, hingekleckst, die Nebenfigur am Rande einer Bühne, aufgetragen mit traniger Ölfarbe auf die Leinwand. Ein Ereignis, an dem man entlangwandern konnte.

 

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 6. Januar 2018 um 11:39 Uhr geschrieben.

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen

2 Kommentare »

  1. Sie sagt, später am Nachmittag. Und fragt, wer die Photographie aufgenommen hat? Und wann?

    Comment by crysantheme — 8. Januar 2018 @ 10:54

  2. Heute must ich aufs häusel gehen. haben sie die passende lecture für mich?

    Comment by etwas passendes parat — 16. Januar 2018 @ 14:03

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