Repräsentative Aromastoffe

Peter aus Leipzig wollte ein Zeichen setzen. Er hatte genug von dieser Scheinwelt. Von einer Welt, in der Politiker ungestraft behaupten konnten, dass dieses Land eine Demokratie wäre. Dabei war es doch klar, dass es keine Demokratie war. In einer Demokratie, da gibt es Volksabstimmungen, wie in der Schweiz. Aber ohne Volksabstimmungen, da ist das keine Demokratie, sondern eine Republik. Da war sich Peter ganz sicher. Repräsentative Demokratie, so ein Quatsch, dachte Peter. Genauso wie das Wort “naturidentische Aromastoffe”. Das waren auch bloß “repräsentative Aromastoffe”. Je öfter man zu einem chemischen Produkt “naturidentisch” sagen würde, um so schneller würde das Volk das Vertrauen in die Produkte verlieren. Das ist doch logisch. Peter war klar, das war der Grund, warum so viele Leute die Rechten wählten. Diese gigantische Lüge der repräsentativen Demokratie machte die Rechten stark. Die Rechten logen auch, nur noch nicht so lange.

Das ist doch alles so klar, dachte Peter. Die ganzen Worte hier, die waren alle falsch. Hier gab es nichts mehr zu diskutieren. Hier gab es keine Freiheit mehr. Alles war falsch und faul. Perfekt glänzend wie eine Erdbeere mit der Konsistenz und dem Geschmack eines Kohlrabis. Peter wunderte sich, dass außer ihm das niemand zu wissen schien. Niemals zweifelte einer der Politiker oder einer der Nachrichtensprecher an der Demokratie in diesem Land. Peter wollte es allen erklären.

Er ging zum Mitteldeutschen Rundfunk und wollte seine Erkenntnis allen mitteilen. Nur fünf Minuten, am Ende der Nachrichten. Mehr brauchte er nicht. Aber er kam nicht einmal am Pförtner vorbei. Der ließ ihn abblitzen. Die waren an der Wahrheit überhaupt nicht interessiert, die vom Mitteldeutschen Rundfunk. Peter erkannte, dass er keine Chance hat, dort seine Erkenntnis zu verbreiten. Der MDR war ein Ratatouille aus Gummigemüse.

Oder doch. Peter wusste es. Er musste eine Selbstmordanschlag verüben. Dann wäre Peter in allen Nachrichten. Sofort. Das mussten die senden. Das war 100-Prozent sicher. Den MDR, den würde er sprengen. Peter legte sich einen Sprengstoffgürtel um. Verkleidete sich als schwarzbezahlte 450 Euro-Putzfrau mit Bundestagsputzerfahrung. Borgte einen Doppelfahreimer, klaute einen Wischmopp. Und schon stand er im Büro der Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks. Hätte er gar nicht gedacht, dass er es bis dahin schaffen würde. So einfach. Er zündete den Gürtel. Nichts geschah. Peter hatte nicht gemerkt, dass die Auberginen nach Düngemittel rochen. Es fehlte der typische nussige Duft der natürlichen Aubergine. Peters Auberginen waren bloß lasche Wasserbomben. Gummigemüse, aufgezogen in Nährlösungen. Hatten nie in richtiger Erde gewühlt. Diese Supermarkt-Auberginen waren so falsch wie die Demokratie. Nur richtige Auberginen können platzen. Peters ansonsten makelloser Sprengstoffgürtel lief aus. Es war vorbei. Peter hatte die letzte Chance zu Wahrheit verpasst. Peter wusste es.

Dieser Beitrag wurde von Wassili Busskläff am 18. Januar 2018 um 23:46 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

7 Kommentare »

  1. Die Pointe kommt ein bisschen spät – aber sie kommt. Explosionsartig, mit Getöse und im auberginefarbenen Gewand.

    Comment by 'S explodiert! — 18. Januar 2018 @ 23:57

  2. Ist das nicht ein wenig gefährlich? Wenn das jemand liest? Peter, Leipzig, MDR, Sprengstoff und dann noch eine länderspezifisch muslimisch angehauchte Auerbegine… oh,oh! Da zählt man einfach nur eins und eins zusammen! Das riecht nach SEK-Einatz im Blog…sieht euch warm an, Leute und seid gewahrschaut!!!

    Comment by Gesunder Skeptiker — 19. Januar 2018 @ 07:42

  3. Sieht euch um und zieht euch an.

    Comment by Rechtschreibass — 19. Januar 2018 @ 07:45

  4. Aubergine – das reimt sich auf Beduine.

    Comment by Lawrence — 21. Januar 2018 @ 11:37

  5. Vielleicht mag die Sprache manchmal etwas altertümlich sein, aber Pointen mit einer Haltbarkeit von Jahrhunderten sind mit Sicherheit niemals altbacken, … Ein Herrenwitz der etwas anderen Art liefert dieses Gedicht, das sich erst etwas biedermeierlich anschleicht, bevor es den hohen Herren seine Pointe einschenkt.

    Comment by Altherren — 22. Januar 2018 @ 11:31

  6. Lieber Peter,

    habe keine Angst, bitte nicht erschrecken – wir rufen Dich bald an. Wir wollen nur wissen, ob Du es mit Deiner Selbstmordabsicht auch wirklich ernst meinst. Das musst Du Dir wirklich ganz genau überlegen, ob das Dir wert ist. Wenn es Dir wirklich ernst ist, dann können wir Dich auch vermitteln. An die Profis. Da bekommst Du eine richtige Ausbildung und einen richtigen Gürtel. Du kannst es Dir auch aussuchen, ob Du ein Walfangschiff versenken oder lieber die Arbeit einer Glyphosat-Chemiefabrik unterbrechen willst. Was Dir recht ist.

    Bis bald!

    Comment by Die Brücke (feat. ZehJuli) — 22. Januar 2018 @ 12:17

  7. Und danach gibt’s die 71 Jungfrauen! Heißa, eine Runde Spaß!

    Comment by HechelMechel — 22. Januar 2018 @ 14:36

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