Sinnile Profile

Liebe Gemeinde. Oder wie sagt man unter Dichtern und Denkern : Liebe Köpfe. Oder sollte ich besser sagen : Liebe Schreiberlinge. Und Linginnen. Linglong, Hauptsache lieb. Jedenfalls geht hier etwas Liebenswertes den Bach hinunter, was doch den Berg erklimmen wollte. Russisches Geschwätz und englisches Palaver füllen die Spalten der Kommentare. Wofür wirbt hier er, oder darbt da wer ? Tribut ans Medium ? Überblickt das noch jemand ? Und die Beiträge ? Bedeutungsschwangerer Kurzsinn. Wenns doch ein Leichtsinn wäre. Auch Trübsinn wär Gewinn. Wahnsinn war schon. Scharfsinn scheitert. Sinnlos, sinnfrei, sinnlich, hoppla, das war wohl ein Irrtum. Vielleicht greifen wir ja nächstens zur Sinnkarte, blue velvet, um unsere völlig zeitlosen und geschmacksneutralen Botschaften zu übermitteln. Sinnkrise. Sinn-Leffers war ja auch schon mal pleite und hat es überlebt. Aber das ist ein Textilfilialist und kein Sprachverwalter. Also was. Konkurs anmelden ?

Genre: Essay

Zum Zeichen für die Erfüllung von Susanne Ulrike Maria Albrecht

Hast du das Schloss in den Wolken gesehen?

Es wurde für uns beide gebaut.

Die Engel haben sich ganz besonders viel

Mühe damit gegeben.

Hast du das Schloss in den Wolken gesehen?

Es wurde für uns beide gebaut.

Die Engel haben sich ganz besonders viel

Mühe damit gegeben.

Hier und jetzt werden wir beide mehr als reich belohnt.

Hast du das Schloss in den Wolken gesehen?

Es wurde für uns beide gebaut.

Die Engel haben sich ganz besonders viel

Mühe damit gegeben.

Alles ist vollkommen. Einfach, leicht. So wunderbar.

Wir sind beflügelt.

Hast du das Schloss in den Wolken gesehen?

Es wurde für uns beide gebaut.

Die Engel haben sich ganz besonders viel

Mühe damit gegeben.

Zum Zeichen für die Erfüllung. Die himmlischen

Wächter freuen sich.

Es ist getan - Wir sind vereint im Glück.

Hast du das Schloss in den Wolken gesehen?

Copyright Susanne Ulrike Maria Albrecht

Genre: Gedichte

Wueste : Seidenstrasze

graue : gelbliche : braeunliche flaeche

gewoelbt : abgestumpft : endlos & heisz

an den raendern von staubhaufen gesaeumt

in der mitte von einer glatten : schnellen

strasze durchschnitten

Genre: Gedichte

Die Nacht in Erdöl versunken:

Auf dem Meeresgrund

Die Sonne in

Tiefer Meditation; so

Tot kein Herz kein Ohr

Dessen Trommelfell -

Hitzige Paarung

Dreier Augen & After -

Nicht schon auf dem

Asphalt, Asphalt

Der Milchstraße gekocht hätte

Genre: Gedichte

Anoushehs Traum

Eines Nachts öffnete sich der Himmel
Über der Stadt die Engel
Hatten einen Schrotthaufen
Von der Größe eines Kinder-
Zimmers nach außerhalb
Der bewohnten Zonen
Geschossen; meine Glieder
Begannen zu jucken - Griff
Des Auges nach den Sternen:
Farbe und Bewegung verschmolzen
Zu einem Film ohnegleichen (ich sehe
Die Schneehasen hoppeln durch eine
Schwerelos-Endlosschleife puls-
Ierender Kindheit, Ierender Kindheit
Von auf der Tonspur lichtlosen Denkens
Heraus geschnittenen Parabeln) nichts
Andres ergibt mehr ein Gleichgewicht
- - - - - - Seitdem arbeite ich
An den Stellen meines Lebens wo
Es über die Oberfläche hinaus
Schwappt Fisch wo die Dinge zwischen
Fall und Befreiung schweben wo
wir die Sonnensegel hissten

(Frei : featuring : Kubrick : SPACE TOURISTS. 2009)

Genre: Gedichte

Behindertes Begehren

Ein gutes Buch ist so selten wie ein guter Banker, ein guter Lehrer, ein guter Arzt, ein guter Journalist. Eines der besseren Bücher der guten Bücher ist „Ruf mich bei deinem Namen“ des Amerikaners André Aciman, der in Alexandria geboren wurde. Der Roman beginnt: „´Später!´. Das Wort, die Stimme, die Attitüde. Ich hatte noch nie erlebt, dass sich jemand mit einem ´Später´ verabschiedete -…“. Auch ein Trivialroman könnte so beginnen und hätte dann einen ausgezeichneten Anfang. Acimans Roman ist alles andere als trivial, obwohl seine Story, oberflächlich betrachtet, nicht fern des Trivialen ist. Simpel gesagt: Was die Leser zu lesen bekommen ist eine Sommer-Sonne-Strand-Geschichte, die am häuslichen Pool, an italienischen Gestaden, in geräumiger Professorenvilla, im provinzialischen Städtchen unter südlichen Himmel stattfindet. In dieser Umgebung und Atmosphäre treffen zwei „Knaben“ aufeinander: der 17-jährige Professorenbengel Oliver und der aus den USA angereiste Student David. Trotz ihrer Jugendlichkeit sind die Beiden geprägte Persönlichkeiten, die ihrer natürlichen Unmittelbarkeit hinderlich ist. Diese Behinderung, auch im Begehren, weiß der Erzähler geschickt in feinsinnigen Szenen zu variieren. So ist für die dauernde Spannung des Romans gesorgt. Das Erwarten, das Unerfülltsein, das Wiedererwarten, das Wiederunerfülltsein garantieren das Auf und Ab, das die Neugier der Leser immer neu anstachelt, obwohl der Roman in den Handlungen eher handlungsarm ist. Die eigentliche Bewegung findet in den Gedanken der gleichermaßen musisch begabten und orientierten Hauptpersonen statt. Immer dominiert das Geistige, obwohl das körperliche Begehren, also die schwer zu bekennenden, dann doch mit ungeteilter Lust zu lebenden Gefühle, maßgeblich die Begegnung von David und Oliver bestimmen. Sie sind Empfindsame, überaus Empfindsame, die unentschieden sind in ihrer Entschiedenheit. Ihre Gefühle pendeln: Von Frau zu Mann, von Mann zu Frau. David und Oliver erleben sich in ihrem Unvermögen, angesichts aller möglichen Möglichkeiten. Sie erfahren miteinander, in ihrer Unvollkommenheit, Momente des Vollkommenseins. Sie sind Menschen voller Spaß an der gebildeten, bildenden Sprache, Menschen, die sich aussprechen wollen und immer wieder einander sprachlos machen.

Kurzum, sie sind nicht einfache schlichte Menschen. Sie sind zu schön, zu klug, zu selbstgewiß. Zumindest werden sie so vom Autor aus gutem Grunde geschildert. Er will Distanz zu den Figuren, will dass sich niemand verliebt in die Schönheit, die Klugheit, die Selbstgewißheit. Das wäre die Sache des Trivialromans. Das wäre die Sache eines schwülstigen Schwulenromans. Das wäre die Sache eines beliebigen Unterhaltungsromans.

„Ruf mich bei deinem Namen“ ist ein unterhaltender Roman eines starken, sprachkundigen Schriftstellers. Der Roman hat die Qualität, die einst eine Erzählung wie Stefan Zweigs „Verwirrung der Gefühle“ oder James Baldwins Roman „Giovannis Zimmer“ hatten. Das Sprachbewußtsein von André Aciman bestimmt die literarische Konstruktion seines Romans. Szenen und Dialoge sind derart konzentriert und komprimiert, dass sie ohne weiteres in ein anderes Medium zu übertragen sind. Der Leser des Buches sieht einen Film. In dem ist mehr zu sehen als nur eine Sommergeschichte. Die Leser nehmen teil an Lebens-, Menschengeschichten, die, in ihrer Besonderheit, so besonders dann doch nicht sind. Das ist das Gute, das André Aciman so gut geschildert hat, dass sein Roman mit Genuß gelesen werden kann. Mit Genuß? Kann man das heute noch sagen? Ja, warum denn nicht? Weil einem so viele Bücher gar keinen Genuß mehr bieten?!

André Aciman: Ruf mich bei deinem Namen. Aus dem Amerikanischen Renate Orth-Guttmann. Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2010. dtv 13894. 286 Seiten

Genre: Kritik

Begierde begehrenswert ?

Hat sich wohl allmählich so entwickelt! Das, was „erotischer“ Roman genannt wird, ist eine Domäne der Damen geworden. Eine Wahrnehmung, die nicht erst aufkommt, wenn einem die Anthologie „Heiße Begierde“ zwischen die Finger gerät. Elf Frauen und drei Männer wurden von einer Herausgeberin namens Marie van Helden eingeladen, etwas zum Mehr-Personen-Sex zum besten zu geben. Schlicht gesagt, die Schreiber unterhalten mehr oder weniger flott mit Storys von mehr oder weniger flotten Dreiern. Wer will, kann auch Orgie dazu sagen. Wer Orgie sagt und erwartet, kann auch von Geschichten sprechen, die den Vorzug haben, voller orgiastischer Vollendung zu sein. Wenn das keine traumhaften Phantasien sind! Phantastische Phantasien sind´s, die in der Mehrzahl auch als pure Pornographie abgetan werden können, sofern zwischen Erotik und Porno zu unterscheiden ist.
Leichter und bestimmter ist festzustellen und festzulegen, wie eine Geschichte geschrieben wurde. Die meisten wurden von Leuten verfaßt, die mit Maske Courage zeigen das heißt, sich hinterm Keuschheitstuch des Pseudonyms verbergen. Desto maskenhafter, desto konstruierter, schlüpfriger, schematischer, also schlechter die Geschichte. „Locker machen“ wird den Begierig-Begehrenden eins ums andere Mal zugerufen! Das Lockermachen hätte die Sache der Geschichtenschreiber sein sollen. Dann wäre sicher mehr Spaß in den körperlichen Umschlingungen und Verschlingungen gewesen, weil Sex, wie bekannt, zuerst im Kopf anfängt. In den Storys stürzen sich Gehirnlose gern zu schnell aufs und ins Geschlechtliche. Das ist dann der Höhepunkt – der Phantasielosigkeit der erotischen Phantasie.
Eine erotische Geschichte muß keine Trivialgeschichte äußerer Effekte und so der Effekthascherei sein. Sinnlichkeit und Sinnigkeit des Sex ist in den Texten so arrivierter Autorinnen wie Anne West und Nina George. Ihre Beiträge machen die Anthologie zu einem Musterbuch heißbegehrter Erotika. Jener Erotik, die Geist, Witz, Charme hat, weil sie geistreich, witzig, ernsthaft-ironisch geschrieben ist. So wird die Lust am Lesen lustvoller Geschichten geweckt und gesteigert. So wird die Last des Lesens lustloser Lustgeschichten eliminiert. „Heiße Begierde“ muß man nicht begehren. „Heiße Begierde“ gelesen, ist gut zu unterscheiden, was im Begehren weniger begehrenswert ist.
Heiße Begierde. Erotische Phantasien. Hg. Marie van Helden. KnaurTaschenbuch Verlag: München 2010. Bd. 50532, 294 Seiten, 7,95 Euro

Genre: Kritik

demo kra tie

sei unser

Höchstes

Gut

sagen die Einen

Mangel haftet: am

Umgang: leere Verpackungen

fegen über den Asphalt

Spuren

vergangener Feste

gefeiert

Demokratisches

bleibt liegen

Genre: Gedichte

Moldau

zwischen Fels & Laubwäldern schlängelst du dich
hindurch : von den großen Völkern mißachtet
überrannt von Kelten & Langobarden
die Tschechen haben den Fluß : der ihnen heilig ist

zum Strom gestaut : böhmisches Meer
nun füllt es die Täler : untergegangen
sind die Schaufelraddampfer : kein Nebel
kann aufsteigen : alles ist Moldau

an den Ufer angeln die Männer still
kleine Fische : sie brauchen nicht viel
um glücklich zu sein : das macht ihre Größe
aus : im Vergleich zu großen Männern

die ihr Selbstbewußtsein in Jachten & Villen : im Equipement
zeigen : die Frauen ruhen still
im Schatten unter raschelnden : hohen Birken
genug : um einen kühlen Kopf zu bewahren

zwei Kajaks aneinander gebunden : fertig ist das Schiff
Opa & Maminka : Kind & Kegel
drauf verfrachtet : schon treten sie an
die jährliche Pilgerreise : die Moldau hinab & hinauf

an den Ufern ankern die Hütten
der tschechischen Weisen : unterm Drbákov
einem grüngefleckten Schaf : das sich sanft
zum Schlaf streckt : die Vorderläufe eingeknickt

lagern pensionierte Drachentöter : strecken die Füße aus
auf ihren gelandeten Booten : auf vier Beinen
hochgebockt : schweben sie in der Luft
die Kämpen von einst haben die Schlacht

gegen die Baugenehmigungsbehörde gewonnen
die Moldau strömt gleichgültig unter den Booten hinweg

Genre: Gedichte

Aki im Wunderland

Das Buch der Bücher des Leipziger Schriftstellers Thomas Böhme heißt „Schnakenhascher“. Der bislang umfänglichste Roman des Autors ist eines der drei Bücher („Heikles Handwerk“, „Martha“), die in diesen Monaten erschienen.
„Schnakenhascher“ ist die Zusammenfassung und in der Zusammenfassung die ausführlichste Erweiterung vieler erzählerischer Arbeiten, die der Verfasser seit zwei Jahrzehnten schreibt und den die Literaturkritik, wenn sie ihn denn beachtet, hartnäckig als Lyriker vorstellte. Böhme ist ein Erzähler, dem die allgemeine Unaufmerksamkeit die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit bisher versagte. Armer Autor! Noch ist Zeit genug nachzuholen, was nachzuholen ist, wie das jüngst für Walter Kappacher und Peter Wawerzinek der Fall war. Der Roman „Schnakenhascher“ ist beste literarische Lektüre und nicht nur etwas für versierte Leser. Den Titel kann man provokant nennen, ihn als peinlich empfinden oder, ganz im Gegensatz dazu, als poetisch. Und das ist nicht nur der Titel!
Mit „Schnakenhascher“ haben die Leser eines der poetischsten Prosabücher der deutschen Sprache der letzten Jahre in der Hand. „Schnakenhascher“ ist das Buch eines Traumes, den sich der Erzähler erträumte, für den „Der Traum als Gesamtkunstwerk“ das selbstverständlich Erstrebenswerte ist. Der Roman ist das Gesamtkunstwerk einer verträumten und somit traumhaften Kindheit. Und nun sage einer: Kindheit hat nichts mit Träumen, mit Traumhaften zu tun. Die von Thomas Böhme erzählte Traum-Kindheit ist keine wahre Kindheitsgeschichte. Böhme ist der spielerische Sinn nicht abhanden gekommen, der schlichte Kindertage zu den schönsten Kindertagen machen kann. Der Roman ist das phantasievollste Spiel mit der Phantasie, die der phantasierende Erzähler leisten konnte. Ganz und gar zum Vorteil der Leser, die in der Wirklichkeit Zeiten und Orte bestimmen können, die dem Roman den Stoff lieferten. Wer es braucht, kann ohne Schwierigkeiten ausmachen, dass er in eine bekannte, mitteldeutsche Stadt (Lulu) mitgenommen wird, die seit Jahrhunderten für ihre Messen bekannt genug ist. Wer es braucht, weiß sich sofort in den sechziger Jahren. In den Zeiten, da John F.-Kennedy ermordet wurde und die Kontrolleure des Warschauer Paktes die Hoffnung, die Sozialismus genannt wurde, endgültig in Prag erwürgten. Und wer´s nicht lassen kann, spricht von einer Kindheit in der DDR, die – außer im Nachwort des Verfassers – nicht mal mit den drei Buchstaben erwähnt wird. Alles, was es zu erzählen gibt, konzentriert sich auf die Brüder Alexander und Raul Liebezeit in Unschlittstraße 23. Versachlicht gesagt auf die Kindheit Alexanders, der mit Inbrunst in sich die Idee vom idealen Bruder Raul hegt und pflegt, dass sich sowas von Bruder jeder wünscht. Dass der liebenswerte und geliebte Bruder spurlos verschwindet als Alexander und auch Raul die Grenze überschreiten, die aus dem Kindesalter führt, wird wohl niemand wundern. So muß das sein, als sich Akis Wunderland in der Erwachsenenwelt verliert! Wer will von der noch etwas wissen? Der Erzähler, der alles im Blick hat und zu ordnen versucht, ist nie gänzlich abwesend und sendet immer wieder schwache Signale aus seiner belasteten Schriftsteller-Existenz. Ob nötig oder unnötig fragt man kaum. Als ironische Eitelkeiten des Erzählers können gelten, was gar keine Eitelkeiten sind, wohl aber mit der Geschichte Alexanders – einer „Kindheit im Bernstein“ – zu tun haben. Dieses Bild vom Bernstein im Sinn, erübrigt es sich, nach dem Sinn des Realen in der erzählten Kindheitsgeschichte zu fragen oder gar zu forschen. Das Buch ist eine Realität, eine literarische Realität, die ihre unverwechselbare Qualität hat.
Kinderland ist ein Lieblingsland vieler Literaten, also nicht nur ein Tummelplatz von Thomas Böhme. Sein Kinderland ist ein Platz, den er sich erdichtet hat, um sich in ihm wohlzufühlen. Um „Dinge“ fühlend zu erleben „an die sich niemand sonst mehr erinnern will“. Um dieses Erinnerns willen hat der Erzähler angestrengt und unangestrengt seine Fabulierlust und –kunst mobilisiert. Durch das Fabulieren bestimmt Böhme die Bedeutung seines Buches nicht durch das Traditionsthema Kindheit. Der Fabulierer gibt seinen Figuren Namen von Thomas Mann´scher Art. Wo sonst finden sich Namen wie Pagenstecher oder Liebeszeit, der des Bruderpaares, deren Zeit eine Zeit des Liebens ist? Eine Zeit, in der alles erotisch ist. Ohne Erotik ist keine Liebe eine gute Liebe. Der gesamte Roman, in all seinen episodischen Erzählungen, ist ein erotischer, erotisierender Roman. Erotik ist für Thomas Böhme nicht nur in der Liebe da. Das Sehnen ist voller Erotik, wie der Schmerz, wie das Sterben. Sich derart der Erotik verbunden zu fühlen, bedeutet für den Fabulierer zu den besten Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen nicht nur bereit zu sein, sondern in der Lage, in den Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen das Beste an Erzählerischem möglich zu machen. So wird der Erzähler fortwährend zu einem Anreger für die Leser. Ihnen wird der Roman nicht zu einem beliebigen Objekt, das sie veranlaßt, ständig zu vergleichen, was wie in der eigenen Kindheit war wie in dem Roman, sofern man seine Kindheit in den Sechzigern des Vorjahrhunderts hatte. Der Roman entgrenzt die eigene Kindheit. Erlöst er sie aus dem Bernstein, in der sie für den Verfasser eingeschlossen ist? Mit dem Roman in der Hand werden so manche Leser zum anderen Autor, neben dem Autor, die auf ihre Weise ihre Kindheit erschließen. Die Kindheit ist eine der ergiebigsten Zeiten des Entdeckens und die Zeit des Entdeckens der Kindheit eine der ergiebigsten des Lebens. Wie profan, dass alles seine Zeit hat! Wie poetisch alles Zeit sein kann, das ist erlesbar und so erlebar in Thomas Böhmes Roman „Der Schnakenhascher“.
Thomas Böhme: Der Schnakenhascher. Edition Cornelius. Projekte Verlag Cornelius: Halle 2010. 273 Seiten, Geb., 17,50 Euro

Genre: Empfehlungen, Kritik