Hatte beim Frühstück einen furchtbaren Streit mit Elou, und dann musste ich es ihm endlich sagen. Seit drei Wochen schleppe ich es jetzt mit mir herum, und schon der Gedanke an seine Reaktion löst Magenbeschwerden bei mir aus. »Warum isst du kaum etwas, schmeckt es dir nicht mehr«, den Satz hörte ich fast jeden Tag, wenn er zu Abend gekocht hatte. »Ist es wegen neulich, wegen Frau Schlimm und dem Geschenk von Carl und Guido«, hatte er mehrmals gefragt. Ich hatte einen so dicken Kloß im Hals, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. »Du hast doch was, sag es mir doch, bitte«, flehte er und nahm von allen Speisen mehrmals, lobte die mediterrane Küche und die eiweißreiche Nahrung, um dann umzuschalten auf »warum bist du so still«. Zweimal hatte ich mich übergeben, zweimal. Schließlich machte er sich ernsthaft Sorgen und schickte mich zu Dr. Timothy: Aidstest, gastroenterologische Untersuchungen, alles ganz diskret, und ich Idiot ließ Elou auch noch die Rechnung bezahlen – obwohl ich genau wusste, dass es nur meine – mein geplanter Wegzug nach Dresden war, den ich ihm verschwieg. Und Meli feuerte mich noch an, sags ihm endlich, du machst dich und ihn fertig, wenn dus nicht tust, und dann die Wut auf sie und auf Paul und die ganze Familie, ihr seid an allem Schuld und dann der Schlag in die noch tiefere Region, lass das bloß nicht Albert hören, er gibt dir das Geld.
Albert. Der Onkel. Dessen Sohn mich unfreiwillig – entjungfert hat. Mir war schon wieder so schlecht, dass ich nicht wusste, ob ich nicht lieber im Bad bleiben sollte.
Elou fummelte draußen an seinem Fahrrad herum, pfiff dabei und merkte nichts.
Der Sonnige.
Am Samstag das Treffen mit den anderen. Sie holten die ganze Geschichte zwischen Al und mir wieder hoch. Wir waren dann bei Lemmons, wo ich schon wieder kotzen musste.
Und dann Sonntag: Elou hatte Brötchen besorgt. Weil mein Magen leer war, hatte ich plötzlich ungewöhnlichen Appetit. Mir war alles egal. Elou machte wieder alles richtig und ich nichts. Er legte John Coltrane auf, dann Sade und schließlich Schuberts Winterreise. Warum ist er eigentlich nicht DJ geworden. Er erzählte von den maßgeblichen Errungenschaften der Community, und dass eine Petition eingebracht worden sei, in der es um die gleichgeschlechtliche Ehe ging. Er redete und redete. Und obwohl ich alles teilte, was er sagte, brannte bei mir eine Sicherung durch: Er sprach jetzt von den Gay Days, die bald wieder losgingen, und bei denen er und Al sich stark einbrachten. Selbst der Lehrstuhl für Art History, an dem er angestellt war, wurde angeschrieben. Hartnäckig wie er ist, hat Elou da nicht locker gelassen.
Und dann sagte ich diesen Satz: Ich hab genug von deinen Gay Days.
Danach gab ein Wort das andere. Ich sei ohne Maß, sagte er, und dass ich mich doch gerne für unsere Freunde auszöge. Es war grotesk. Es stimmte alles halb. Die andere Seite würde sagen, du wurdest ausgezogen. Wie ich mich manchmal fühlte, wenn sie mich ansahen. Diese magnetische Wirkung auf mich, dieser Druck, innerlich wie äußerlich, bei dem Widerstand zwecklos war. Ich habe es jedes Mal gespürt. In endlosen Variationen, wie eine Melodie von Philip Glass. Und ich schämte mich, wenn sie meine Erregung sahen, ein Gewächs aus Lust und Scham, das wollte ich nicht oder nur manchmal, bei manchen, Elou, du weißt bei wem, du weißt es ganz genau. Er hat mich den anderen gezeigt, wie er sagte. Zu Al, am Telefon: »ich weiß nicht, ob ich ihnen Vyvyan zeigen soll.« Zeigen, nicht vorstellen.



